Bevor wir uns zu Stimm- und Sprachtechniken unterhalten, brauchen wir ein modernes Grundverständnis für die Prinzipien unserer Wahrnehmung, zum Beispiel gegenüber der Frage: Wie „verstehen“ wir eigentlich?
Ein kleines Gedankenexperiment
„Ich verbrachte letzten Sommer meinen Urlaub in Griechenland, auf einer kleinen Insel. Sonnige zwei Wochen, ständig wolkenloser Himmel, das Wasser klar und in allen Blautönen; die Häuser an der Küste mit ihren typisch kalkweißen Fassaden, die salzige Meeresbrise, das Rauschen der Wellen am Strand, es war einfach herrlich!“
Und jetzt?
Haben Sie mich verstanden?
Natürlich! Doch eigentlich missverstehen Sie mich gründlich. Ich provoziere nämlich nur Assoziationen. In Sekundenbruchteilen liefert Ihr persönlicher Erinnerungskatalog zum Gesagten passende Bilder. Und erst jetzt „verstehen“ Sie – oder besser – machen sich „ein Bild zur Sache“.
Aber wie viele Details sehen wir jetzt tatsächlich 1:1 gleich: 10 Prozent, 50 Prozent oder mehr? Lupenreine 0 Prozent – und die reichen aus. Ihr persönliches Bildmaterial, Ihr Erfahrungsabgleich, Ihre individuelle Interpretation, sie bedeuten: „Verständnis“.
Und nur nebenbei: Ich war gar nicht in Griechenland.
Die besten Lügen sind die, die wir glauben zu verstehen!
Aus „Der ICH Erfolg“ von Otto Walter Ebenbichler · Für diesen Seitenentwurf redaktionell gekürzt und aufbereitet.